Von der Hoffnung, dass niemand öffnet
Es ist kurz nach dem Mittagsgebet, an einem Werktag im Jahr 1995: Eine junge Frau – mit rot gefärbten Haaren und fünf glitzernden Ringen an jedem Ohr –, steht vor der dunklen Eichenpforte des Raderberger Klosters. Sie hofft, ängstlich auf die vergitterten Fenster blickend, dass sie verschlossen ist, denn eigentlich will sie in der Kölner Innenstadt shoppen gehen. Da öffnet die Novizenmeisterin Sr. Theresia die Tür, auf dem Weg zu ihrem Zahnarzttermin. Sie bietet ihr ein Gespräch für den nächsten Tag an. Genau ein Jahr später tritt diese als Sr. Cornelia in den Orden ein – und lebt nun seit 30 Jahren in dieser Schwesterngemeinschaft.
Absehbar war eine solche Entwicklung nicht; in ihrem Lebensentwurf spielten seit ihrer Kindheit Heirat und Kinderkriegen die Hauptrollen. Diese Vorstellungen passten auch zu ihrer, wie sie es rückblickend nennt, „katholischen Karriere“ im südhessischen Rodgau‑Hainhausen: „Ich war an jedem Sonntag in der Kirche, meine Oma war die Küsterin, ich die erste Messdienerin vor Ort – und besuchte eine Privatschule, die von Ursulinen geleitet wurde“.
Zwischen den Fronten
Mit 17 Jahren fuhr sie das erste Mal in das 130 Kilometer entfernte Münsterschwarzach. In der fränkischen Abtei, die von benediktinischen Missionsmönchen geleitet wurde, fanden große Jugendfestivals statt, zu denen rund 300 junge Menschen aus dem ganzen Land anreisten und im klostereigenen Internat übernachteten. Zwei Jahre später wurde sie gefragt, in der Kursleitung einzusteigen. Ab dann bot sie dort nicht nur ehrenamtlich Workshops an, sondern lernte auch die benediktinische Sichtweise kennen.
Diese inspirierte sie bei ihrer Berufswahl, so dass sie sich, gerade 18 Jahre alt, für das Studium der Religionspädagogik in Mainz entschied. Der neue theologische Blickwinkel formte ihren „Kinderglauben zum Erwachsenenglauben“, wie sie den Prozess des Hinterfragens heute nennt. Bis ihr klar wurde – während ihres Praktikums geriet sie zwischen die Fronten der Gemeindereferentin und des Pfarrers –, dass sie weder die kirchlichen Haltungen vertreten noch in diesen Strukturen arbeiten wollte. Überfordert und sich fehl am Platz fühlend brach sie ihr Studium ab. Sie wollte lieber Erzieherin werden; zum Glück erkannte die sozialpädagogische Fachschule Teile ihres theologischen Studiums an.
Mit 23 Jahren im richtigen Beruf angekommen, erfreute sie sich – „als kommunikativer Mensch, der jeden Abend mit Freunden in Action war“ –, ihres Lebens. Und dann kam dieser eine Tag im Jahr 1995, an dem sie sich vor der Kölner Klosterpforte wiederfand. Warum?
Der Abtei Münsterschwarzach blieb sie auch nach ihrer Ausbildung eng verbunden, sie war ihr ein „Stück Heimat“. Nicht nur, weil sie die jährlichen Jugendveranstaltungen weiter begleitete, sondern vor allem wegen der geistigen Weite, die sie durch die Glaubensbrüder erfuhr. Immer öfter fragte sie sich, ob das Ordensleben auch ihr Weg sein könnte. „Geh nach Köln, zu dem einzigen Kloster, das zu dir passt“ war der Rat der Brüder.
Kein Kontakt – und keine Krimis
Eben das spürte sie an jenem Tag, an dem Sr. Theresia die Tür wegen ihres Zahnarzttermins öffnete. In den darauffolgenden 12 Monaten der Annäherung – sie arbeitete in einer Kindertagesstätte und war an Wochenenden zu Gast im Kloster –, entdeckte sie immer mehr Vertrautes: die gleichen liturgischen Bücher, die gleichen geistigen Weiten, die gleichen spirituellen Tiefen wie in der fränkischen Abtei. In ihr wurde der Wunsch, zu der benediktinischen Gemeinschaft zu gehören, stärker und stärker. Nur ihre Freunde waren skeptisch, schätzten sie doch gerade ihre Lebenslust und ihr Temperament. „Wir geben dir ein Jahr,“ prognostizierten sie.
Ihr letztes Besuchswochenende verbrachte sie in Klausur – im abgeschlossenen Bereich –, ohne Abendspaziergang, ohne Treffen mit Freunden. „Ich habe gedacht, ich sterbe“, erinnert sie sich an die Nacht, in der sie still und abgeschieden auf den Morgen wartete. Auch wenn das Alleinsein mit sich selbst sie herausforderte, sie entschied sich, ihr kanonisches Jahr zu beginnen. Dieses ging, damit Novizinnen erste Wurzeln in der Gemeinschaft schlagen, mit einer Kontaktsperre einher. Sogar die Klosterbibliothek war ihr verwehrt, sonst hätte sich die angehende Schwester „mit Sicherheit Krimis ausgeliehen“. Trotz der schweren Zeiten – in denen auch manche ihrer bisherigen Freundschaften zerbrachen – wusste die lebenslustige Cornelia, dass sie ihrer inneren Stimme folgen musste. Dabei halfen ihr besonders die Ermutigungen von Sr. Theresia.
So hat sich ihre ängstliche „Hoffnung, dass niemand öffnet“ in ihr „größtes Lebensgefühl“ verwandelt – in dem die Kommunikation mit sich und Gott so bedeutsam geworden ist wie die mit anderen Menschen. Mit dieser Offenheit – und ihrem Temperament – bildet die nun 59-Jährige den Knotenpunkt zwischen drinnen und draußen, ob an der Pforte als erste Ansprechpartnerin bei Krisen oder als gestaltpsychologische Beraterin bei Übergängen. „Kein einziger Tag war langweilig“, lacht sie – kommunikativ erfüllt.
