Satt an Leben
Sie lebt seit ihrem 34. Lebensjahr in dem gotischen Stadtkloster in Köln. Befragt man die heute 76-jährige Schwester Michaele nach ihrem Weg dorthin, erzählt sie von einer Suche – und vom Ankommen. Nur als sie Kind und Heranwachsende war, deutete nichts darauf hin, dass sie ihr Leben in der Gemeinschaft der Benediktinerinnen verbringen würde.
Aufgewachsen ist sie als Einzelkind in einer Gelsenkirchener Kaufmannsfamilie, die Eltern betrieben – Supermärkte gab es noch nicht – zu zweit ein kleines Lebensmittelgeschäft. Nach der Mittleren Reife absolvierte sie eine Ausbildung zur Vermessungstechnikerin und arbeitete in der Stadtplanung. Weil sie sich weiterentwickeln wollte, drückte sie nach Feierabend die Schulbank, ihr Ziel war es, Psychologie zu studieren. Im Abendgymnasium erlebte sie jedoch zum ersten Mal, wie ihr katholischer Glaube nicht nur in Frage gestellt, sondern abgelehnt wurde. Sie verteidigte ihn gemeinsam mit einem Mitschüler, der später evangelischer Pfarrer wurde – und setzte sich intensiver als je zuvor mit ihrer Spiritualität auseinander. Gleichzeitig wuchs ein Wunsch in ihr heran: der nach einer Gemeinschaft, nach einem Leben mit Menschen, die mehr waren als Kollegen, Bekannte oder Nachbarn.
Beides brachte sie dazu – sie hielt gerade ihr Abiturzeugnis in den Händen –, sich um die Aufnahme in ein franziskanisches Kloster zu bewerben. „Die fröhliche Armut passte zu meinen Idealen als 27-Jährige“, erinnert sich Sr. Michaele. Nach zwei Jahren musste sie jedoch erkennen, dass sie „auf der richtigen religiösen Schiene, aber nicht am richtigen Ort“ war. Sie verließ den Orden und begann das Studium der Pastoraltheologie in Paderborn – obwohl sie den begehrten Psychologie-Studienplatz in der Tasche hatte. Ihr Anerkennungsjahr absolvierte sie in einer Pfarrei, doch die nachfolgende Assistenzzeit als Pastoralreferentin trat sie nicht an. Stattdessen folgte die nun 33-jährige Frau ihrer anhaltenden inneren Sehnsucht: Sie bat erneut um Aufnahme bei den Franziskanerinnen.
„Hier war es warm, dort war es kalt“
Sie erhielt eine Absage. Geschockt kaufte sie sich eine Flasche Wodka und zog die Bettdecke über den Kopf. Aber nur für den Moment, dann suchte sie weiter. Ein Jahr später führte ihr Weg nach Köln zu den Benediktinerinnen. Schon der erste Eindruck sagte ihr alles: „Hier war es warm, dort war es kalt“, verglich sie die beiden Orden. Auch wegen der zahlreichen jungen Schwestern, denen sie im Noviziat begegnete.
So trat sie mit 34 Jahren in die benediktinische Gemeinschaft ein. Die Entscheidung war die richtige, aber leicht war die Anfangszeit nicht: Statt beschaulicher Stille erwartete sie schwere körperliche Arbeit. Denn das Kloster wurde umgebaut, so dass sie zusammen mit ihren Mitschwestern Mörtel aus den Mauern schlagen und Bauschutt schleppen musste. Einmal lag sie schon mittags erschöpft in ihrem Bett, gequält von der Frage, ob sie diese Herausforderungen schaffen könne.
Vom Stadtplan zum Messgewand
Sie konnte. In den folgenden vier Jahrzehnten prägte Schwester Michaele die Paramentenstickerei des Klosters. Sie entwarf Messgewänder, Fahnen und sakrale Textilkunst. Ihre zeichnerische Präzision, die sie ursprünglich bei der Vermessung und Stadtplanung einsetzte, fand in dem Stadtkloster eine neue Heimat. Noch heute näht sie an der Ordenskleidung, knüpft Gebetsschnüre, malt Ikonen und betreut das Klosterarchiv.
Auch wenn sie ihr Zuhause gefunden hat, vor den Brüchen des Lebens wurde sie nicht verschont: Sie verlor ihren Vater durch Suizid, sie erlebte Enttäuschungen, Misserfolge, Abschiede – und den Tod vieler Weggefährtinnen. „Ein ganzer Konvent liegt inzwischen auf dem Friedhof“, sagt die heute zweitälteste Schwester der Gemeinschaft. Aber Verbitterung schwingt dabei nicht mit, im Gegenteil.
Sie spricht von ihrer jetzigen Phase des Loslassens, vom Aufgaben-Weitergeben und davon, den Blick auf das Wesentliche zu richten. Dann sagt sie den einen Satz, der den Raum erfüllt: „Ich möchte satt an Leben sterben.“ Und fügt dankbar hinzu: „Ich habe alles erlebt, was ich erleben konnte.“
